Samstag, 7. August 2010
Das goldene Wort und noch sieben andere Epigramme des deutschen romantischen Dichters Wilhelm Müller
Recht und Liebe.
Das Recht sagt: Jedem das Seine!
Die Liebe: Jedem das Deine!

Zeit und Mensch.
Was heißt das, über die Zeit zu klagen!
Wie jeder sie macht, so muß er sie tragen.

Die schwere Last.
Nichts ist dem Menschen so schwer zu tragen,
Als eine Lust von guten Tagen.

Lust und Leid.
Wenn du Gott wolltest Dank für jede Lust erst sagen,
Du fändest gar nicht Zeit, noch über Weh zu klagen.

Das geflügelte Wort.
Ist das Wort der Lipp' entflohen, du ergreifst es nimmermehr
Führt die Reu' auch mit vier Pferden augenblicklich hinterher.

Weltlust.
Die Lust der Welt ist Honigseim, um den wir wie die Fliegen schweben;
Noch keine hat daraus genippt, ihr blieb ein Stückchen Flügel kleben.

Atlas.
O Atlas, großer, starker Riese, wie wird des Himmels Last dir schwer!
Die Liebe trägt dieselbe Bürde und hüpft so selig hin und her.

Der erste Flecken.
Wenn du durch den Kot der Strae mußt mit neuen Schuhen gehn,
Wirst du trippelnd auf den Spitzen nach den blanksten Steinen sehn;
Hat sie erst beschmutzt ein Fleckchen, lernst du waten sicherlich:
Hüte, Kind, in deiner Seele vor dem ersten Flecken dich!


Wilhelm Müller (1794-1827), Deutscher romantischer Dichter, war berühmt in seiner Zeit und ist es bis in unsere Zeit geblieben, sei es heutzutage fast ausschliesslich durch seine Beziehung zu den Liedern von Franz Schubert (1797-1828).

... comment