Mittwoch, 19. Januar 2011
Erster Schnee — Ein Gedicht von Gottfried Keller



Wie nu alles stirbt und endet
Und das letzte Rosenblatt
Müd sich an die Erde wendet,
In die warme Ruhestatt:
So auch unser Tun und Lassen,
Was uns heiß und wild erregt,
Unser Lieben, unser Hassen
Sei ins welke Laub gelegt!

Reiner, weißer Schnee, o schneie,
Schnei beide Gräber zu,

Daß die Seele uns gedeihe
Still und kühl in Winterruh!
Bald kommt jene Frühlingswende,

Die allein die Liebe weckt,
Wo der Haß umsonst die Hände
Träumend aus dem Grabe streckt!



Gottfried Keller (1819-1890)
Aus: Gedichte 
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Mehr Gedichte vom selben Autor sind heute veröffentlicht worden, das erste in einem Beitrag auf einer unserer vielen niederländischsprachigen Schwesterseiten: Tempel der Dichtkunst, das zweite in der, gleichfalls deutschsprachigen, elektronischen Zeitschrift Kulturtempel (2).
Einen Beitrag über die NDR Kultur-Sendungen 
der kommenden fünf Wochen, in der Reihe Am Abend vorgelesen —  mit Erzählungen von Gottfried Keller — finden Sie in einem Artikel auf unserer niederländischen Schwesterseite Tempel der Letteren.

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